Meine 10 Pfennige zum Flüchtlingsthema

Rathes Sachchithananthan — 22.Aug.2015
in Welt

In den letzten Tagen frage ich mich, ob ich wirklich erfolgreich in Deutschland integriert bin. Ich mein, ich habe mich zwar angepasst, habe viele Freunde hier und fühle mich auch gut hier, aber hat Deutschland mich akzeptiert, hat das deutsche Volk mich akzeptiert? Bisher dachte ich immer, dass ich angenommen wurde und nur ein paar wenige Ausnahmen mich nie akzeptieren werden, aber jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Wenn du in den letzten Tagen und Wochen in den sozialen Netzwerken mal mitgelesen hast, dann wirst du von der Flüchtlingsdebatte nicht verschont worden sein. Und bestimmt hast du auch genug Hasstiraden gelesen. Vielleicht sogar von Leuten, bei denen du das gar nicht erwartet hast. Ich habe es zwar nicht in meinem Bekanntenkreis erlebt, aber dennoch war ich sehr schockiert über einige Kommentare, die ich gelesen habe.

„An die Wand stellen und erschießen!!!“

Solche Beiträge lassen einen nicht los. Vor allem nicht, wenn man selbst gemeint sein könnte. Szenen wie die in dem oben geteilten Video sind der Grund, warum ich hier in Deutschland geboren wurde und meine Eltern in Deutschland leben. Ich bin nicht aus einer Leiharbeiter-Familie und meine Eltern sind auch nicht als Fachkräfte nach Deutschland gekommen.

Ich bin auch ein Flüchtlingskind. Meine Eltern waren auch Flüchtlinge. Meine Eltern ersuchten auch in diesem Land Asyl. Nur halt mehr als 25 Jahre vor der jetzigen Situation. Aber dennoch bin ich quasi auch ein Flüchtling, eines, das wieder zurückkehren würde in mein Heimatland, wenn ich eines hätte. Eines hätte, wo ich nicht innerhalb von 24 Stunden nach meiner Ankunft von der Bildfläche verschwinde und als „Hat niemals existiert“ deklariert werde.

Ich habe all diese Bilder im Kopf, die hier als Videos verbreitet werden. Ich sehe jede Nacht im Bett immer noch diese Szenen von einem Video, wo unschuldige Männer nackt und gefesselt exekutiert werden. Ich bin immer noch sofort zu Tränen gerührt, wenn ich nur den Namen „Isaipriya“ höre. Und das, obwohl ich als ein in der Diaspora geborenes Kind den Krieg nie direkt miterlebt habe. Wenn selbst ich ein Trauma mit mir herumschleppe, wie fühlen sich die Menschen, die gerade eben aus ihrer Heimat fliehen mussten, um dem Tod zu entkommen? Wie fühlen sich wohl die kleinen Kinder, die alles zurücklassen mussten und eine schier unendliche Strecke hinter sich gebracht haben, um in eine neue Welt zu gelangen.

Ich weiß es zu schätzen, wie man mich hier aufgenommen hat. Obwohl ich ein „Ausländer-Kind“ bin, habe ich bisher ein recht gutes Leben führen dürfen. Aber es war halt nicht immer leicht und wahrscheinlich gerade deshalb, weiß ich gut einzuschätzen wie sehr ein herzlicher Empfang einem Menschen einiges an Last nehmen kann nach einer weiten Reise.

Aber was den Menschen bei ihrer Ankunft in ein „sicheres“ Land geboten wird, ist schrecklich. Angsteinflößend. Der ganze Hass, der in diesem Land existiert, verschlimmert nur die bereits schlimme Situation der Flüchtlinge. Hier läuft doch einiges verkehrt beim Thema Flüchtlinge.

Was alles falsch läuft

Ich wurde vor wenigen Tagen mal von einer Dame gefragt, warum ich denn so gut Deutsch spreche. Und ob meine Mutter ihr Kopftuch abgesetzt hat oder auch hier noch damit rumläuft. Sie war wirklich erstaunt darüber, dass ich hier mein Abitur gemacht habe, meinen Abschluss an der Universität und jetzt ein Unternehmen gründe. Noch überraschter war Sie, dass meine Eltern und ich Hindus sind und wir gar keine Kopftücher tragen.

Viele Menschen hier in Deutschland wissen gar nicht, was in dieser Welt so los ist. Und viel zu viele interessieren sich auch gar nicht dafür. Hauptsache das eigene Leben ist gut und friedlich. Der Rest geht einem Arsch vorbei. Und sobald sich die Lage ein wenig verändert, rasten die Leute ganz aus und brechen komplett in Panik aus. Ich kann mich noch auf die Reaktionen der Menschen meiner Heimatstadt Haltern am See erinnern, als bekannt wurde, dass hier eine forensische Klinik errichtet werden sollte. Man hatte schon die schlimmsten Albträume, dass die Stadt von Killern und Zombies übernommen wird. Was ist eigentlich jetzt daraus geworden?

Was ich damit sagen will ist, dass die Menschen offen für das Leben der Anderen werden müssen. Dass man sich mal damit beschäftigen muss, wie die Welt so aussieht. Dann würde man nämlich verstehen, warum die Menschen hier massig nach Deutschland kommen. Hier ist nämlich das Paradies. Trotz der hohen Steuern, der wenigen Arbeitsplätze und anderen Problemen der ersten Welt.

Ein weiteres Problem ist die Politik. Ich bin eher auf Menschenrecht und Politik in Sri Lanka spezialisiert und kenne mich in der deutschen Politik nicht aus. Aber ich bin trotzdem der Meinung, dass da irgendwas nicht richtig läuft. Flüchtlinge müssen von der Politik besser behandelt werden. Klar, sie bekommen Geld, sie bekommen Unterkunft und auch die Möglichkeit sich in das Land zu integrieren, aber man muss den Menschen auch helfen sich aus dem Trauma zu befreien. Die Menschen, die gerade in ein neues Land gekommen sind, um dem Krieg zu entkommen, werden zwar glücklich sein noch zu leben, aber auf Dauer wird ihnen die Langeweile hier zum Verhängnis. In ihrer Heimat haben die Menschen viel und hart gearbeitet und hier sind sie plötzlich hilf- und nutzlos. Das Gefühl ist kacke. Und zusätzlich wird man noch von den neuen Mitmenschen als „faules Pack“ bezeichnet, weil man ja nicht arbeitet und auf Kosten fremder Steuern lebt.

Aber nicht nur die Politik, sondern generell alle hier im Land müssen mithelfen, dass die Leute hier integriert werden. Jede einzelne gute Geste kann helfen. Vertrauen schenken und Vertrauen gewinnen. Und jeder einzelne sollte sich gegen Fremdenhass positionieren.

Ich selbst habe zum Beispiel die Dame in Ruhe aufgeklärt, dass ich kein Moslem bin und meine Mutter kein Kopftuch tragen muss. Aber ich habe ihr auch direkt vermittelt, dass sie sich von ihren hässlichen Vorurteilen lösen sollte und sich klarmachen sollte, dass die Flüchtlinge auch nur Menschen sind. Das habe ich in der vorigen Fällen nie gemacht. Jetzt habe ich aber den richtigen Schritt gewagt und das solltest du auch. Erheb deine Stimme für mehr Menschlichkeit. Das wird dir auf jeden Fall irgendwann mal zurückgezahlt.

Wovon man was lernen könnte

Ein gutes Beispiel ist der öffentliche Kommentar von Anja Reschke. Das nenne ich mal Statement. Und ihrer Aufforderung, dass man den Mund aufmachen sollte, dem sollten wir alle nachkommen. Nicht nur die Hetze sollte zu hören sein, sondern auch die Stimme der Menschlichkeit oder wie Frau Reschke sagt:

„Wenn man also nicht der Meinung ist, dass alle Flüchtlinge Schmarotzer sind, die verjagt, verbrannt oder vergast werden sollten, dann sollte man das ganz deutlich kundtun. Dagegen halten. Mund aufmachen. Haltung zeigen. Öffentlich an den Pranger stellen“

Falls ihr es noch nicht kennt, schaut euch das kurze, aber deutliche Video mal an. Sind knapp 2 Minuten.

[fve]https://youtu.be/i9kv-rmvGKg[/fve]

Der deutsche Staat könnte auch lernen. Darüber wie man Flüchtlinge aufnehmen könnte. Es ist zwar nicht das Idealbeispiel und das lässt sich zwar nicht eins zu eins in Deutschland umsetzen, aber das Konzept in Uganda kann sich sehen lassen.

Uganda? Ob man es glaubt oder nicht: Nicht nur in Europa hat man ein „Flüchtlingsproblem“. Auch nach eines der ärmsten Länder, Uganda, flüchten Menschen, die Krieg, Verfolgung oder Armut entkommen wollen. Und dort bekommen diese einen halben Hektar an Land.

Dort kommen nämlich viele Flüchtlinge aus dem Kriegsgebiet in Kongo nach Uganda. Oder aus dem Süd-Sudan. Und das nicht zu wenigen. Das können gerne mal 800 Menschen pro Tag sein. Und diese bekommen ein Stück Land, wo die sich nach und nach ihre Existenz drauf aufbauen können. Dieser Artikel in der Zeit beschreibt das recht ansehnlich wie ich finde. Lies dir das mal durch, dann verstehst du mehr, was ich meine.

Das lässt sich zwar nicht so auf Deutschland übertragen, aber das Gefühl, das einem dort vermittelt wird, das wird einen hier nicht geboten. Dabei hat man hier in Deutschland viel mehr Möglichkeiten.

Was ich von Till Schweiger halte

Zu den fehlenden schauspielerischen Fähigkeiten von Herrn Schweiger möchte ich mich hier nicht äußern, sondern zu seinen Aktivitäten zum Thema Flüchtlinge. Die Meinungen gehen da ja weit auseinander. Die einen sagen, dass er das nur für Fame macht, die anderen sind glücklich, dass sich immerhin überhaupt wer für die Flüchtlinge einsetzt.

Ich gehöre zu denen mit der zweiten Meinung. Es ist gut, dass medienwirksame Menschen wie Till Schweiger sich öffentlich mit der Thematik auseinandersetzen. Daran sollten sich mehr Menschen ein Beispiel nehmen. Was mir aber nicht gefällt ist wie er mit den „Hatern“ umgeht. Er reagiert auf den Hass mit noch mehr Hass, was natürlich noch mehr Hass zur Folge hat. Und dieser Hass wird sich nicht gegen Till Schweiger richten, sondern wohl gegen die armen Flüchtlinge, die sich nicht wehren können. Dass man Hass nicht Hass bekämpfen sollte, sollte nicht nur Herr Schweiger begreifen, sondern auch viele andere.

TL;DR

Zusammenfassend möchte ich dich und alle anderen Menschen hier in Deutschland einfach auffordern euch für Flüchtlinge einzusetzen und denen zu helfen sich in diesem neuen Umfeld zurecht zu finden. Sorgt dafür, dass Deutschland eine Gesellschaft hat, die nicht fremdenfeindlich ist, indem ihr eure Gegenmeinung kund tut.

Ich möchte in einem Deutschland leben, in dem ich mich integriert fühlen kann und nicht mit der Angst, dass doch irgendwann der Hass Überhand gewinnt und ich hier aus Feindseligkeit niedergemetzelt werde. Wenn ich so sterben wollte, dann könnte ich auch in Sri Lanka leben. Ich hoffe du verstehst, was ich meine.

Rathes Sachchithananthan

Rathes Sachchithananthan

Hi, ich bin Rathes. Gründer dieses Blogs. Darüber hinaus habe ich Aheenam gegründet, eine Agentur für digitale Lösungen. Dort konzipiere und entwickle ich die digitale Weiterentwicklung meiner Kunden. Ich brenne für das Thema "Tamilen und Tamil Eelam" und bin ein Microsoft-Fanboy. Du findest mich auch auf diversen sozialen Netzwerken

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